Raum für Raum

Rebecca Budde de Cancino ruft im Rahmen des mehrteiligen Projekts „Tieftaucher, Raumfahrer & Luftblasen“ einen spannenden, weiteren Projektteil ins Leben: „Mein Raum“ – ein Mensch, sein Material, der Raum. Zu diesem werden verschiedene Menschen unabhängig voneinander in einen Raum (Atelier) eingeladen, um dort jeweils für sich mehrere Stunden lang bis hin zu Tagen zu ihren Vorstellungen und Assoziationen rund um das Erlebnis Raum kreativ zu arbeiten. Zu der so entstehenden Reihe werde ich Euch hier auf dem Laufenden halten.

Nun habe ich die Ehre, mit meinen Gedanken zum Thema das Projekt „Mein Raum“ durch die Gestaltung unserer Pinnwand im Obergeschoss des AlarmTheaters zu eröffnen. Also, eigentlich studiere ich ja Germanistik. Von daher aus bin ich es gewohnt, Kunst – meist in Form von Literatur – zu deuten, sie kritisch zu hinterfragen oder zu analysieren. Doch jetzt bin ich hier im AlarmTheater und nun soll –  oder viel eher darf – ich dabei helfen, dass Kunst entsteht. Das ist eine ziemliche Herausforderung, denn ich hielt mich nie für sonderlich kreativ.

So, nun also zurück zum Raum. Was ist das eigentlich, ein Raum? Ich habe gerade eine Hausarbeit zum Thema Raumanalyse abgegeben, ich weiß also, wie ein Raum in einer Erzählung funktionieren kann und wie er Bedeutung transportiert. Aber was „Raum“ im Allgemeinen ist, habe ich mich nie gefragt. Und ich stelle fest, dass es eine Vielzahl an Bedeutungen gibt. So wie mein Studentenherz es will, blättere ich digital erst einmal ganz nüchtern im Brockhaus und finde unter anderem Folgendes:
„Raum m.; Raum sparen; aber: eine Raum sparende oder: raumsparende Lösung“
Jetzt bin ich schon viel klüger, also lese ich auch noch die vorgeschlagenen Synonyme durch…
„1. Zimmer, Stube, Kammer, Kabinett, Räumlichkeit, Lokalität, Wohnraum, Innenraum; geh.: Gemach, Gelass; ugs.: Bude, Loch, Kabuff, Klause, Kemenate, Zelle 2. Platz, Ort, Stelle, Unterbringungsmöglichkeit 3. Spielraum, Freiheit, Bewegungsfreiheit, Entwicklungsmöglichkeit, freies Feld, freie Bahn, Auslauf, Weite, Unabhängigkeit; ugs.: Luft, Winkel, Ecke…“
Also wer jetzt noch nicht weiß, was Raum bedeutet, der findet es höchstens noch in den folgenden Kurzdefinitionen, welche so schön in Fachgebiete gegliedert sind.
•    „Raum (Physik): aus der Geometrie entwickelter, grundlegender Begriff der Physik zur Erfassung der gegenseitigen Anordnung von Körpern und Feldern, der sich als dreidimensionaler physikalischer Raum in der Ausdehnung, der gegenseitigen…
•    Raum (Philosophie): Die griechischen Atomisten (Demokrit, Leukipp) wie auch die Pythagoreer nahmen einen leeren Raum an, in dem sich die Atome bewegen…
•    Raum (Mathematik): im engeren Sinn und in der Elementargeometrie (Geometrie) ein sich in drei Dimensionen (Länge, Breite, Höhe) ohne feste Grenzen ausdehnendes Gebiet (Anschauungsraum); im weiteren Sinn jede mit einer bestimmten…
•    n-dimensionaler Raum, Verallgemeinerung des dreidimensionalen Raumes für Zahlen n ≧ 4. (Raum)
•    raum, seemännisch für: weit; raumer Wind, aus achterlicher Richtung kommender Wind, der einem Segelschiff das direkte Ansteuern des Zieles erlaubt; Raumen, günstiges Drehen des Windes nach achtern
•    ländlicher Raum, ein naturnaher, von der Land- und Forstwirtschaft geprägter Siedlungs- und Wirtschaftsraum mit geringer Bevölkerungsdichte sowie niedriger Zentralität der Orte und deshalb meist starker Abhängigkeit vom…“

Ich muss lachen. Diese Aussagen sind sicherlich faktisch alle richtig, aber sie bieten mir so gar keine zufriedenstellende Antwort. Denn diese Definitionen können mir nicht sagen, was für mich ganz persönlich „Raum“ bedeutet. Also gehe ich in mich, schließe die Augen und versuche das schärfer zu stellen, was ich als erstes sehe. Und tatsächlich sehe ich Räume, ich befinde mich in ihnen. Ich mache eine kleine Reise durch meine Vergangenheit und stehe in meiner ersten eigenen Wohnung, meine 38 qm pure Freiheit. Noch nie zuvor hatte ich mich in einem geschlossenen Raum so frei gefühlt. Das waren wirklich meine eigenen vier Wände, mit denen ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Also strich ich sie in bordeauxfarbenen und altrosa Streifen. Ich fand es toll! Das war genau ich, von in mir drin an die Wände projiziert.
Ich sah noch einige andere Räume vor meinem geistigen Auge und mit ihnen meine Entwicklung, von meinen Kinderzimmern über meine erste Wohnung bis hin zu der gemeinsamen Wohnung mit meinem Freund. Alle meine bisherigen Lebensabschnitte ließen sich an meinen vier Wänden ablesen und genau das bedeutet für mich „Raum“. Mein Raum, ich zu sein und mich doch zu entwickeln. Doch sicherlich gibt es genauso viele persönliche Definitionen von „Raum“ wie es Köpfe gibt. Wir wollen wenigstens ein paar davon einfangen und sie durch dieses Projekt veranschaulichen.

Alexandra Petrusch

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